Metaanalyse zeigt: Vitamin-B1-Status ist bei Diabetes-Patienten erniedrigt

laboratory01.jpg

Eine aktuelle Metaanalyse zeigt: Diabetes-Patienten weisen niedrigere Vitamin-B1-Konzentrationen im Blut auf als Personen ohne Diabetes. Ursache könnte ein erhöhter Vitamin-B1-Bedarf sein. Dadurch steig das Risiko für einen Mangel. Zu den klinischen Manifestationen eines Vitamin-B1-Mangels zählen unter anderem Neuropathien.

Vitamin B1 (Thiamin) ist ein essenzieller Cofaktor im Glukose-Stoffwechsel. Ein Mangel kann daher metabolische Störungen nach sich ziehen. Das könnte insbesondere für Patienten mit Diabetes relevante Folgen haben, wie Prof. Dr. Rima Obeid verdeutlichte: „Ein Thiaminmangel kann zu einer Akkumulation von Glukosemetaboliten führen, die daraufhin auf pathogenen Stoffwechselwegen abgebaut werden“, erklärte die Wissenschaftlerin vom Institut für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin am Universitätsklinikum des Saarlandes, Homburg. Der Abbau überschüssiger Glukose über schädliche Stoffwechselwege ist ein wesentlicher Pathomechanismus bei der Entwicklung mikrovaskulärer Folgeerkrankungen des Diabetes. Thiaminmangel könnte dies forcieren.1

Metaanalyse zum Vitamin-B1-Status bei Diabetes

Der Vitamin-B1-Status von Diabetes-Patienten ist daher von großer Relevanz und in verschiedenen Studien untersucht. Dabei wurden zumeist deutlich erniedrigte Thiamin-Konzentrationen nachgewiesen. So beobachteten Forschende der Universität Warwick in England 75 % niedrigere Thiamin-Plasmaspiegel bei Diabetes-Patienten gegenüber Gesunden2. Die Studienlage ist jedoch heterogen, insbesondere aufgrund der Vielfalt verfügbarer Vitamin-B1-Marker, nicht definierter Grenzwerte zur Diagnostik eines Mangels und fehlender Standardisierung der Messmethoden. Um zu überprüfen, ob sich die Konzentrationen verschiedener Thiamin-Analyten im Blut zwischen Menschen mit und ohne Diabetes unterscheiden, hat daher ein deutsches Wissenschaftler-Team eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse durchgeführt, die 2023 in Metabolism publiziert wurde3. 24 von 459 identifizierten Arbeiten erfüllten die Kriterien für die Studie und 20 davon wurden in die quantitative Datenanalyse eingeschlossen.

Niedrigere Thiamin-Konzentrationen bei Diabetes-Patienten

Dabei bestätigte sich, dass Diabetes (kombinierte Analyse von Typ-1- und Typ-2-Diabetes) mit niedrigeren Konzentrationen verschiedener Thiamin-Marker assoziiert ist. Im Vergleich zu Personen ohne Diabetes weisen Diabetes-Patienten signifikant niedrigere Konzentrationen an Thiamin, Thiamin-Monophosphat (TMP) und Gesamt-Thiamin (Summe aller Thiamin-Formen) auf. Thiamin-Diphosphat (TDP) und die Erythrozyten-Transketolase-Aktivität sind tendenziell ebenfalls erniedrigt. „Trotz der Heterogenität zwischen den Studien und möglicher Selektionsbias in einigen der Studien waren die Ergebnisse für die verschiedenen Thiamin-Marker konsistent“, erklärte Obeid und schlussfolgerte: „Die niedrigeren Konzentrationen verschiedener Thiamin-Marker bei Diabetes-Patienten lassen vermuten, dass sie einen erhöhten Bedarf oder Umsatz an Vitamin B1 haben“, so die Wissenschaftlerin. Dadurch steigt das Risiko für einen Vitamin-B1-Mangel. „Der Thiaminversorgung sollte daher bei diesen Patienten mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden“, rät Obeid.

„Die niedrigeren Konzentrationen verschiedener Thiamin-Marker bei Diabetes-Patienten lassen vermuten, dass sie einen erhöhten Bedarf oder Umsatz an Vitamin B1 haben….Der Thiaminversorgung sollte daher bei Diabetes-Patienten mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden.“

Prof. Dr. rer. med. Rima Obeid Homburg

Welche klinische Relevanz hat der Vitamin-B1-Status für Diabetes-Patienten?

Zu den klinischen Manifestationen eines Thiaminmangels zählen kardiovaskuläre Störungen und neurologische Erkrankungen wie Neuropathien. In früheren experimentellen Untersuchungen wurde beobachtet, dass Thiamin – und in noch stärkerem Ausmaß die Vitamin B1-Vorstufe Benfotiamin – die Pathomechanismen diabetischer Folgeerkrankungen reduzieren kann4. Aufgrund seiner Fettlöslichkeit weist das Provitamin Benfotiamin eine 5-fach höhere Bioverfügbarkeit auf als herkömmliches, wasserlösliches Thiamin. Dadurch gelangt das Vitamin in höheren Konzentrationen in den Blutkreislauf und zum Nervengewebe5. So kann es einen Mangel wirksam ausgleichen. In klinischen Studien zeigte sich, dass durch eine Behandlung mit Benfotiamin neuropathische Symptome bei Diabetes-Patienten innerhalb von 3-6 Wochen verbessert werden konnten6.

Lebensqualität der Patienten langfristig verbessern

Im Rahmen der multimodalen Therapie der Neuropathie bei Diabetes-Patienten sollte daher dieser pathogenetisch orientierte Ansatz berücksichtigt werden, rät Prof. Dan Ziegler vom Institut für Klinische Diabetologie, Deutsches Diabetes-Zentrum an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Neben der möglichst normnahen Blutzuckereinstellung und der multifaktoriellen kardiovaskulären Risikointervention sei die pathogenetisch begründete Therapie ein wichtiger Grundpfeiler der Therapie. Diese habe zum Ziel, in die Pathogenese der Erkrankung einzugreifen und Symptome zu lindern. Bei schmerzhafter Neuropathie kommt zusätzlich als dritter Grundpfeiler die symptomatische Therapie neuropathischer Schmerzen zum Tragen. Ziegler verweist aber auf die begrenzte Wirksamkeit der symptomatischen analgetischen Monopharmakotherapie, die bei lediglich etwa 50% der Patienten zu einem klinisch relevanten Schmerzrückgang um mehr als 50% führt. Daher plädiert er für einen multimodalen Ansatz der Neuropathie-Therapie mit dem Ziel, dauerhaft die Lebensqualität der Patienten zu verbessern.

„Ziel einer multimodalen Therapie der Polyneuropathie bei Diabetes ist es, dauerhaft die Lebensqualität der Patienten zu verbessern.“

Prof. Dr. med. Dan Ziegler Düsseldorf

Das könnte Sie auch interessieren:

Was bei der Therapie des Vitamin-B1-Mangels zu beachten ist 

Biofaktoren-Wissen: Vitamin-B1-Mangel in der Praxis 

 

Quelle:
Symposium „Neuropathie – multidisziplinär neu gedacht“ anlässlich des Diabetes Kongresses am 18. Mai 2023 in Berlin; Veranstalter: Nationale Aufklärungsinitiative zur diabetischen Neuropathie (NAI). Die NAI wird von Wörwag Pharma und der Deutschen Diabetes Stiftung getragen: www.nai-diabetische-neuropathie.de

Literatur:
1 Page GLJ et al. Thiamine deficiency in diabetes mellitus and the impact of thiamine replacement on glucose metabolism and vascular disease. Int J Clin Pract. 2011 Jun;65(6):684-90.
2 Thornalley PJ et al. High prevalence of low plasma thiamine concentration in diabetes linked to a marker of vascular disease. Diabetologia 2007; 50: 2164-2170
3 Ziegler D, Reiners K, Strom A, Obeid R. Association between diabetes and thiamine status - A systematic review and meta-analysis. Metabolism. 2023 Apr 22:155565. doi: 10.1016/j.metabol.2023.155565. Epub ahead of print. PMID: 37094704.
4 Hammes HP, Du X, Edelstein D, Taguchi T, Matsumura T, Ju Q, Lin J, Bierhaus A, Nawroth P, Hannak D, Neumaier M, Bergfeld R, Giardino I, Brownlee M. Benfotiamine blocks three major pathways of hyperglycemic damage and prevents experimental diabetic retinopathy. Nat Med. 2003;9(3):294-9.
5 Schreeb K.H. et al. Comparative bioavailability of two vitamin B1 preparations: benfotiamine and thiamine mononitrate. Eur J Clin Pharmacol 1997; 52: 319-320
6 Stracke H, Gaus W, Achenbach U, Federlin K, Bretzel RG. Benfotiamine in diabetic polyneuropathy (BENDIP): results of a randomised, double blind, placebo-controlled clinical study. Exp Clin Endocrinol Diabetes. 2008;116(10):600-5.

Bei Ihrer Anmeldung ist ein Fehler aufgetreten. Bitte probieren Sie es später noch einmal.
Vorgang erfolgreich. Bitte bestätigen Sie Ihre Anmeldung erneut in Ihrem E-Mail Postfach.
close

Pflichtfeld

logo